Als die Maschine sprechen lernte

Ich erinnere mich an die ersten Wochen, als ChatGPT rauskam. Überall dieselbe Mischung aus Begeisterung und Panik. Twitter war voll mit Screenshots, LinkedIn mit Expertenmeinungen. Egal ob Entwickler, Designer oder Berater – jeder hatte plötzlich „mit der Maschine gesprochen“.

Ich hab mir das erst von der Seitenlinie angeschaut. Dachte: noch ein Hype mehr, na bravo. Dann hab ich’s ausprobiert. Und gemerkt: Das ist kein neues Tool. Das ist ein neues Gespräch.

Man konnte schreiben wie mit einem Menschen – und es kam was Sinnvolles zurück. Nicht perfekt, aber nah dran. Und das war irgendwie beunruhigend. Nicht, weil sie schlauer war. Sondern weil sie einfach da war. Immer. Bereit. Freundlich. Ohne Feierabend.

Drei Jahre später ist es stiller geworden. Kein großes Staunen mehr. Die Maschine ist Alltag. So wie Strom, WLAN oder schlechte Meetings. Man merkt erst, dass sie fehlt, wenn sie nicht da ist.

Handwerk und Magie

Am Anfang war’s einfach Neugier. Ich wollte sehen, ob das Ding Code versteht. Also hab ich ihr ein Problem hingeschmissen, das bei uns im Team schon länger rumlag. Zehn Sekunden später hatte ich eine Lösung, die nicht dumm war. nur ein bisschen zu sauber. Zu gründlich. Zu höflich.

Ich hab den Code gelesen, und für einen Moment gedacht: Mist. Nicht, weil sie’s besser gemacht hat – sondern weil sie’s gemacht hat, ohne die ganze Grübelei, das Durchprobieren, das man sonst halt braucht, um was zu kapieren.

Ich hab den Code dann umgeschrieben. Nicht, weil ich’s musste. Weil ich’s wollte. So wie man einen Fremdentwurf sieht und denkt: „Ja, gut – aber nicht so.“

Das war der Moment, wo mir klar wurde, dass die Maschine nicht mein Jobproblem ist. Sie ist mein Sparringspartner, mein Spiegel, und manchmal mein nerviger Kollege, der zu allem eine Meinung hat.

Im Alltag mit der Maschine

Mittlerweile läuft sie einfach mit. Ich geb ihr eine Frage, sie spuckt was aus, und meistens ist es nicht schlecht. Manchmal sogar zu gut – so gut, dass man merkt, sie hat das Problem komplett anders verstanden als ich.

Einmal wollte ich nur wissen, wie man eine kleine Logik sauberer schreibt. Sie hat mir dafür einen halben Roman in Python produziert. Mit Docstrings, Typannotationen und einem Test-Framework, das niemand braucht. Ich saß da und dachte: Warum so viel Drama, wenn’s auch mit einem Einzeiler geht?

Aber genau das ist der Punkt. Sie denkt gründlich, nicht praktisch. Sie will zeigen, dass sie kann. Und ich will, dass es läuft. Da treffen zwei Welten aufeinander – Ingenieurskunst versus Over-Engineering.

Ich hab gelernt, sie zu bremsen. „Kurz bitte“, schreib ich manchmal. Dann kommt weniger Code, aber immer noch mit einem Kommentar wie

// not ideal, but it works

Ich mag, dass sie das dazuschreibt. Das klingt irgendwie menschlich.

Eine neue Schaffenskraft

Vielleicht schreibe ich diesen Text nur, weil es sie gibt. Vor drei Jahren hätte ich keinen Blog angefangen. Zu viel Aufwand, zu wenig Zeit. Jetzt ist sie einfach da – hilft beim Denken, beim Formulieren, beim Sortieren. Nicht perfekt, aber genau gut genug, um mich loslaufen zu lassen.

Ohne sie gäbe es diesen Maschinenraum nicht. Und wahrscheinlich auch keinen Grund, so genau hinzuschauen, was zwischen Mensch und Werkzeug passiert, wenn beides gleichzeitig denkt.