Die Lösung vor dem Problem
Ich merke das manchmal ganz am Anfang.
Noch bevor irgendwas geklärt ist,
hab ich schon Bilder im Kopf.
Nicht vom Problem,
sondern von der Lösung.
Ein bestimmtes Framework.
Eine vertraute Struktur.
Ordner, Module, Schnittstellen –
alles schon da,
bevor jemand richtig gesagt hat,
worum es eigentlich geht.
Früher hätte ich das Erfahrung genannt.
Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.
Vielleicht war es einfach Gewohnheit.
Wenn Erfahrung anfängt, mitzudenken
Je länger man Software baut,
desto schneller erkennt man Muster.
Man sieht ein paar Stichworte
und weiß sofort,
wie das vermutlich läuft.
Das ist praktisch.
Man wird schneller.
Souveräner.
Man muss weniger nachdenken,
weil man vieles schon gedacht hat.
Aber genau da wird’s gefährlich.
Denn irgendwann denkt man nicht mehr
über Probleme nach,
sondern über bekannte Lösungen.
Man hört Anforderungen
und übersetzt sie direkt
in Architektur.
Ohne Umweg.
Ohne Reibung.
Und ohne diesen kurzen Moment,
in dem man eigentlich noch nichts weiß.
Reflexe statt Systeme
Ich hab Projekte gesehen –
und auch selbst gebaut –
die technisch sauber waren.
Gut strukturiert.
Schön gedacht.
Und trotzdem irgendwie daneben.
Nicht falsch.
Aber unpassend.
Wie ein perfekt geschliffenes Werkzeug
für das falsche Material.
Im Nachhinein war klar:
Wir hatten zu früh entschieden.
Nicht aus Faulheit,
sondern aus Routine.
Wir haben reagiert,
statt wirklich hinzuschauen.
Ein kleines Innehalten
In einem Projekt ist mir das besonders aufgefallen.
Ich hatte die Architektur praktisch fertig,
bevor die Anforderungen stabil waren.
Alles fühlte sich logisch an.
Bewährt.
Richtig.
Nur: Das System wurde nie produktiv.
Nicht, weil es schlecht war.
Sondern weil es mehr lösen wollte,
als es jemals hätte müssen.
Zu viele Abstraktionen.
Zu viele Optionen.
Zu viel Architektur
für einen eigentlich einfachen Kern.
Alles sauber.
Alles erklärbar.
Und alles komplett unnötig.
Das tat nicht weh,
aber es war lehrreich.
Nicht schneller zu denken,
sondern langsamer.
Nicht weniger Erfahrung zu nutzen,
sondern sie später einzusetzen.
Was Erfahrung eigentlich sein sollte
Erfahrung ist kein Autopilot.
Sie ist ein Werkzeugkasten.
Und wie bei jedem Werkzeugkasten
ist die größte Gefahr,
dass man zuerst greift
und erst danach denkt.
Man kann ihn aufmachen,
wenn man weiß,
was man baut.
Oder man kippt ihn gleich aus
und wundert sich,
warum am Ende so viel rumliegt,
was niemand braucht.
Ich versuche heute,
jedes Projekt so zu beginnen,
als wäre es mein erstes.
Nicht naiv.
Nicht ahnungslos.
Sondern offen.
Mit der Bereitschaft,
mir eingestehen zu können:
Ich weiß noch nicht, wie das hier laufen sollte.
Am Ende
Jedes Projekt ist das erste.
Nicht wegen der Technik.
Sondern wegen allem anderen.
Die Welt ist eine andere.
Die Leute sind andere.
Und man selbst ist es auch.
Routine kann helfen.
Aber wenn man nicht aufpasst,
setzt sie Rost an.
Und der entsteht nicht durch Stillstand,
sondern durch zu viel Bewegung
in immer denselben Bahnen.