Gescheiterte Zukunft

Die Geschichte der Technologie ist voller gescheiterter Zukunft.

Zumindest sah es damals so aus.

Videotelefonie galt einmal als gescheitert.

Das papierlose Büro ebenfalls.

Homeoffice auch.

Für all diese Ideen gab es gute Gründe,
warum sie nie funktionieren würden.

Zu kompliziert.
Zu teuer.

Menschen wollten das angeblich nicht.

Die Technologie sei einfach noch nicht reif.

Heute wirken diese Urteile merkwürdig.

Nicht weil sie damals falsch waren.

Sondern weil die Zukunft später trotzdem kam.

Illustration einer Person, die durch einen experimentellen stereoskopischen Betrachter auf zwei Bildschirme blickt, die nahezu identische Ansichten eines Hasen zeigen.

Die falsche Diagnose

Rückblickend zeigt sich oft
ein anderes Muster.

Die Vision war selten
das eigentliche Problem.

Die Diagnose war falsch.

Videotelefonie scheiterte nicht daran,
dass Menschen sich nicht sehen wollten.

Homeoffice scheiterte nicht
an der menschlichen Natur.

Online-Banking scheiterte nicht daran,
dass Menschen Papier bevorzugten.

Oft fehlten schlicht
die Voraussetzungen.

Die Dinge drum herum.

Die Infrastruktur.

Viele Zukunftsvisionen waren nicht falsch.

Sie waren einfach zu früh.

Die unsichtbaren Bausteine

Das Interessante daran:

Über diese Voraussetzungen
spricht am Anfang fast niemand.

Als das Internet entstand,
sprach jeder über Webseiten.

Über Browser.

Über Portale.

Über das,
was man sehen konnte.

Kaum jemand sprach über DNS.
Über Suchmaschinen.
Über Rechenzentren.
Über Zertifikate.

Die sichtbaren Teile
bekommen die Aufmerksamkeit.

Die unsichtbaren Teile
ermöglichen sie.

Erst im Rückspiegel wird klar,
wie viel der eigentlichen Innovation
unter der Oberfläche entstanden ist.

Die Falle der Gegenwart

Vielleicht liegt genau darin
ein wiederkehrender Denkfehler.

Wir stellen uns die Zukunft oft vor
wie Gegenwart.

Nur schneller.

Leistungsfähiger.
Intelligenter.

Aber ansonsten gleich.

Dieselben Prozesse.
Dieselben Werkzeuge.
Dieselben Arbeitsweisen.

Historisch passiert genau das
erstaunlich selten.

Neue Technologien
übernehmen bestehende Strukturen nicht einfach.

Sie verändern sie.

Vielleicht ist Git das Papierformular

Gerade bei Agentensystemen
merkt man das besonders deutlich.

Viele Zukunftsbilder
sehen ungefähr so aus:

Der Agent schreibt Code.

Der Agent erstellt einen Pull Request.

Ein Mensch reviewed.

Dann wird gemerged.

Fertig.

Das wirkt plausibel.

Vielleicht sogar
zu plausibel.

Denn es setzt voraus,
dass die grundlegenden Arbeitsabläufe
gleich bleiben.

Historisch wäre das eher ungewöhnlich.

Niemand würde heute
Online-Banking beschreiben als:

Papierformulare.

Nur auf einem Bildschirm.

Die eigentliche Transformation bestand gerade darin,
dass die Formulare verschwanden.

Vielleicht werden wir eines Tages
ähnlich auf Git schauen.

Nicht weil Git schlecht wäre.

Sondern weil es für eine Welt gebaut wurde,
in der Menschen
die primären Produzenten von Änderungen sind.

Die langweiligen Dinge

Wenn das stimmt,
dann liegt die spannende Entwicklung
vielleicht gar nicht bei den Modellen.

Sondern in den Schichten darunter.

Standards.

Vertrauensmodelle.

Identität.

Koordination.

Qualitätssicherung.

Observability.

Die spannenden Demos
bekommen die Aufmerksamkeit.

Die langweiligen Systeme
bekommen die Zukunft.

Die Geschichte großer Technologien
ist voller solcher Momente.

Die Revolution steht auf der Bühne.

Die Voraussetzungen entstehen
hinter dem Vorhang.

Die spannendere Frage

Deshalb interessiert mich mittlerweile
eine andere Frage mehr
als die üblichen Debatten
über Modellfähigkeiten.

Nicht:

Werden die Modelle gut genug?

Sondern:

Welche Bausteine fehlen noch?

Welche Infrastruktur existiert noch nicht?

Welche Standards?

Welche Werkzeuge?

Welche Institutionen?

Welche Arbeitsweisen?

Im Rückspiegel

Vielleicht werden wir in zwanzig Jahren
auf diese Phase zurückblicken
und feststellen:

Die Modelle waren nie
der eigentliche Engpass.

Sie waren nur
die sichtbarste Schicht.

So wie Browser
nicht das Internet waren.

So wie Videotelefonie
nicht nur Kameras war.

So wie Online-Banking
nicht einfach Papier
auf einem Bildschirm war.

Die wirklich entscheidenden Innovationen
entstanden darunter.

Dort,
wo heute kaum jemand hinschaut.

Die Geschichte der Technologie
hat eine merkwürdige Angewohnheit:

Die Dinge,
die am Anfang langweilig wirken,

werden später oft
die Voraussetzung für alles andere.